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Elektromedizin

Zitat von Tyger(Mod) am Juni 20, 2020, 4:47 pm Uhr

Zeitreisende Elektro-Dinoraurier sind die Erklärung für alles! Außerirdische zeitreisende Elektro-Dinosaurier!😀

😀 Mit Hut. ^^
Ich sehe wir verstehen uns. 😉

Das Radiostat ist vermutlich nicht so teuer gewesen wie andere Geräte und war deshalb so verbreitet? Handlicher Koffer und ohne viel Zubehör.

"Music gives a soul to the universe, wings to the mind, flight to the imagination and life to everything."

Ich denke, das dürfte so die Mittelklasse gewesen sein.

Nun schauen wir mal wieder nach Amerika. Die Radioentstörung scheint dort kein größeres Thema gewesen zu sein, aber dafür schafften es einige Hersteller, die Technik so zu verkleinern, dass alles ins Handgerät passte. Das war dann etwas größer und schwerer, aber eben nur noch ein Stück, und statt von Violet Ray Machines sprach man bei diesen Geräten von Violet Wands.

Hier zu sehen ist ein Gerät der Violet Ray Corporation, das vermutlich aus den 1940ern stammen dürfte. Nach Europa gekommen ist es offenbar über Italien, denn auf dem Koffer klebt eine Marke vom italienischen Zoll. Und wie man sieht, ist es gar nicht so schwierig, eine Elektrode dafür selbst zu bauen. Man nehme eine Glühbirne, ein Stück lötbares Rohr, das in die Fassung passt, reichlich Isolierband und optional ein Stück Schrumpfschlauch drüber, baue das Ganze zusammen und fertig ist eine gut funktionierende Elektrode.

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Nettes Schachbrettmuster. Mal was ganz anderes. Leider bin ich im Schachspielen ziemlich schlecht.

Bei der Elektrode musste ich grade an einen Zauberstab denken. Wieso auch immer.
Hast du die selber gebaut oder schon so übernommen?

"Music gives a soul to the universe, wings to the mind, flight to the imagination and life to everything."

Die Elektrode habe ich selbst gebaut. Mir kam einfach die Idee, dass das so gehen müsste, und der Aufwand hielt sich in Grenzen.

Nun kommen wir in die Nachkriegszeit. Dieses Gerät des französischen Herstellers Holo-Electron stammt aus den 1950ern und kommt in einem schicken modernisierten Design daher. Der Koffer ist in himmelblau und weiß gehalten, dazu passend gibt es Milchglas-Elektroden und die Innenseite des Deckels schmückt ein Blitze sprühender Superheld im Comic-Stil.

 

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Mir persönlich gefallen die durchsichtigen Glaselektroden besser. Den Namen und das Superheldmotiv finde ich aber gut. 🙂

"Music gives a soul to the universe, wings to the mind, flight to the imagination and life to everything."

Ja, ich finde sie durchsichtig auch schöner. Es gab auch Ansätze, das Ganze mit Farblichttherapie zu verbinden, mit Elektroden aus verschiedenfarbigem Glas, aber das setzte sich nie wirklich durch, zumal die minimalen Wirkungen von so etwas auch genausogut oder besser durch ganz gewöhnliche Lampen erreicht werden konnten.

Zur weiteren Geschichte der Violet Ray Machines nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich keine Geräte mehr vorzustellen, was daran liegt, dass zu dieser Zeit ihr Niedergang begann. In den USA gab es in den 1940er und 50er Jahren einige Gerichtsverfahren gegen diese Technik, die schließlich in den 1950ern in ihrem Verbot gipfelten. Das Internet ist sich nicht einig, was genau im Endeffekt eigentlich verboten wurde - ob nur keine medizinischen Wirkungen mehr beworben oder die Geräte gar nicht mehr hergestellt werden durften. Jedenfalls führte das zu einem praktisch schlagartigen Untergang aller amerikanischen Hersteller. Gerüchten zufolge soll die Pharmaindustrie hinter diesen Prozessen gesteckt haben, was völlig glaubhaft ist, aber andererseits hatten gerade die amerikanischen Hersteller mit ihren dreisten Versprechungen reichlich Angriffspunkte geliefert.

Europa war davon natürlich nicht betroffen, und hier wurden in den 1950er und 60er Jahren wieder diverse Violet Ray Machines hergestellt, aber an ihre große Zeit in den 1930ern konnte die Technik nie mehr anknüpfen. Das dürfte viele Ursachen gehabt haben. Der Reiz des Neuen war verflogen; die Violet Ray Machines waren das Neue von gestern, das Staub angesetzt hatte, zumal in Europa ja auch nie Wunderwirkungen versprochen worden waren. Zugleich gab es in dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit so viel Neues, dass eine Violet Ray Machine einfach nicht mehr besonders weit oben stand auf des Bürgers Wunschliste. Und auf die junge Generation der Rock'n'Roll-Ära dürfte ein komisches altes Elektrogerät, mit dem die Großeltern ihr Rheuma behandelten, ganz sicher nicht mehr besonders sexy gewirkt haben. Gleichzeitig war nun die große Zeit der Pharmakonzerne angebrochen, und die Dreistigkeit von deren Versprechungen stellte alles in den Schatten, was sich selbst das unseriöseste Violet-Ray-Marketing je geleistet hatte. Nun war gleich die Rede von einem "Besiegen der Krankheiten", und diese Parole war damals ernsthaft ein Thema. Ich selbst habe in der Schule (in der DDR) noch gelernt, dass es bald keine Krankheiten mehr gäbe, wenn nur alle Menschen auf der Welt immer mehr und mehr und noch mehr geimpft würden und ständig immer mehr und immer neuere Medikamente schluckten. Dann würden die Krankheiten aussterben und es gäbe nur noch gesunde Menschen. Und ja - so etwas wurde von vielen tatsächlich genauso geglaubt wie das einstige: "Dieses Gerät heilt alle Krankheiten!" Nun ja, und wenn es also ohnehin bald keine Krankheiten mehr gab, lohnte die Anschaffung eines Heilgerätes doch gar nicht.

Die Geräte gerieten in Vergessenheit; nur sehr wenige benutzten sie noch, und die letzten Hersteller verschwanden. Von den Menschen, die nach 1970 geboren wurden, wusste schon so gut wie niemand mehr, dass es so etwas je gegeben hatte. Die Violet-Ray-Technik schien endgültig tot und vergessen zu sein.

 

Nach den 1970ern vergingen auch die 1980er, das Jahrzehnt des Cyberpunk, in dem der Computer allgemein Einzug hielt in die Welt, und die Violet Rays versanken immer tiefer im Staub der Geschichte. Doch in den 1990ern, ein Jahrhundert nach den ersten Versuchen von d'Arsonval und Oudin in dieser Richtung, kamen sie in einer ganz unerwarteten Ecke wieder zum Vorschein: Die BDSM-Szene hatte die alten Geräte als Sexspielzeug entdeckt. (Schaut man sich all die Elektrodenarten an, die es in der alten Zeit gab, liegt der Gedanke sehr nahe, dass das ganz und gar keine neue Entdeckung war, aber damals redete man eben nicht über so etwas.) Und nach einer so langen Zeit des Vergessens waren die alten Geräte plötzlich wieder neu und faszinierend. Es gab noch eine andere Ecke, in der man sich an die alte Technik erinnerte: Die New-Age-Esoterikszene. Hier tauchten dann erwartungsgemäß auch wieder Leute auf, die all die alten Werbeversprechungen samt und sonders für bare Münze nahmen. Nachdem plötzlich wieder ein Bedarf entstand, fanden sich auch wieder Hersteller, diesmal vor allem in China. Sucht man heute bei Ebay nach "d'Arsonval", erhält man jede Menge Treffer. Man solllte allerdings nicht ganz und gar das Billigste nehmen. Ich habe ein sehr billiges chinesisches Gerät probiert, das, wenn es lief, das Licht im Raum zum Flackern brachte und noch im Nebenzimmer einen Computer abstürzen ließ - nie habe ich erlebt, dass eins der alten Geräte derartige Störungen verursachte. Ein Blick ins Innere zeigte eine sehr simple Thyristorschaltung ohne jegliche Entstörung (die da auch nicht mehr reingepasst hätte). Ich habe das Ding entsorgt und die Elektroden zum Auffüllen der Bestückung alter Geräte verwendet.

Tatsächlich haben aber auch zwei europäische Hersteller aus der alten Zeit das Wunder fertiggebracht, bis heute zu überleben. Das ist die deutsche Firma Tefra, die sich sehr stark an der Esoterik-Szene orientiert: https://tefra-hochfrequenztherapie.de/

Und es ist die französische Firma Holo-Electron, die eher kosmetische und sonstige Anwendungen im Blick hat: https://www.holoelectron.com/

Bis auf die Geräte von Tefra, die noch immer in einem hochwertigen Holzkoffer daherkommen, sind die heutigen Violet Ray Machines (oder d'Arsonval-Geräte, wie man sie heute nennt) meist recht klein und haben eher billig wirkende Plastikgehäuse. Sie funktionieren mit moderner Elektronik, sind leise und erzeugen einen gleichmäßigen Elektronenstrahl, sind sicherer und meist in Plastikkoffern oder Kunststofftaschen verpackt und dürften potentiell sogar haltbarer sein als die alten Geräte (falls nicht das Plastikgehäuse nach ein paar Jahren zerbröselt). Was sie nicht mehr haben, ist die Magie der geheimnisvoll surrenden, flackernden Geräte mit ihren fantasievollen Namen in ihren edlen Gehäusen.

Vielen Dank für die ganzen Informationen und die Vorstellung deiner Geräte. 🙂

Zitat von Tyger(Mod) am Juni 28, 2020, 12:39 pm Uhr

Ich habe ein sehr billiges chinesisches Gerät probiert, das, wenn es lief, das Licht im Raum zum Flackern brachte und noch im Nebenzimmer einen Computer abstürzen ließ

Vielleicht ist der wahre Verwendungszweck dieses Billiggerätes ein anderer: Flackerndes Licht als Gruseleffekt bei einer gefakten Seance. ^^

"Music gives a soul to the universe, wings to the mind, flight to the imagination and life to everything."

Wer weiß, wer weiß ...

Bei den elektromedizinischen Geräten war es oft nicht ganz einfach, tatsächliche von vermuteten Wirkungen oder gar blankem Schwindel zu unterscheiden; die Grenze war (und ist) oft diffus und schwer auszumachen. Es gibt vereinzelt aber auch Geräte, bei denen die Sache eindeutig ist - und damit komme ich zum schrägsten Gerät in meiner kleinen Sammlung, dem Duplex Oxypathor aus den 1910ern. Er soll dem menschlichen Körper die Sauerstoffaufnahme erleichtern und braucht dafür noch nicht einmal Strom. Man legt ihn einfach nur ins Wasser und schließt sich an die Kabel an. Nun könnte man galvanische Effekte vermuten, die ein wenig elektrisches Potential erzeugen - doch ein näherer Blick auf die hochwertigen Schraubanschlüsse zeigt, dass die beide überhaupt nicht vom Gehäuse des eigentlichen "Gerätes" isoliert sind. Das ganze Ding ist also nichts weiter als ein Kurzschluss und wäre genausogut durch ein durchgehendes Kabel zu ersetzen. Ob das Ding im Wasser liegt oder nicht, ist natürlich auch egal.

Eine Infoseite dazu: https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co140908/oxypathor-oxygen-absorption-machine-canada-1911-1915-oxygen-absorption-machine

Und hier ist er, der Duplex Oxypathor, natürlich mit erneuerten Kabeln, damit er auch ordentlich funktioniert 😉

 

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Dafür ging der Hersteller sogar ins Gefängnis. Ich frage mich nur wieso die Post da eingeschritten ist. War das damals vielleicht üblich anstelle einer Sammelklage?

"Music gives a soul to the universe, wings to the mind, flight to the imagination and life to everything."

Und eine weitere Technik habe ich hier noch vorzustellen, die Feinstrombehandlung. Während elektromedizinische Geräte meist mit Wechselströmen verschiedener Frequenzen arbeiten, geschieht die Feinstrombehandlung mit Gleichstrom. Dieser Gleichstrom darf nicht aus einem Netzteil kommen, weil es nicht die kleinste Ungleichmäßigkeit (Netzbrummen, Störspitzen, Ripple aller Art) geben darf; manchmal wird sogar behauptet, es dürften auch keine Akkus, sondern müssten Batterien sein, aber dafür gibts nun wirklich keinen Grund. Gleichstrom ist Gleichstrom, egal ob er aus Akkus oder Primärzellen kommt.

Die Funktion so eines Feinstromgerätes ist höchst simpel und ausgesprochen unspektakulär: Es gibt ein Potentiometer, das den Strom begrenzt, einen Umschalter zwischen "schwach" und "sehr schwach", der zwischen der ganzen Batterie und einem mittleren Abgriff umschaltet, einen Polaritätsumschalter und ein Milliamperemeter, das anzeigt, wieviel bzw. wie wenig Strom fließt. Das ist auch das Einzige, woran man überhaupt erkennt, dass sich etwas tut; von dem geringen Gleichstrom aus der Batterie bemerkt man nichts. Ich habe damit zugegebenermaßen noch gar keine eigenen Erfahrungen gesammelt, weil die Benutzung des Geräts einfach so langweilig ist, aber die Feinstromgeräte sind beliebt, woraus man schließen könnte, dass sie doch Wirkungen bringen.

Dieses hier ist ein Feinstromgerät von Wohlmuth, was zumindest in Deutschland der größte und bekannteste Hersteller gewesen sein dürfte. Diese Geräte wurden von den 1930ern bis in die 1960er Jahre mit nur sehr geringfügigen Designänderungen hergestellt und hatten original eine recht große 24V-Batterie eingebaut, die es so natürlich gar nicht mehr gibt. Ich habe sie durch vier 9V-Akkus mit insgesamt 36V ersetzt, eine Ladebuchse in der Bodenplatte untergebracht und ein passendes Ladegerät dafür gebaut.

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Hier kommt ein weiteres Feinstromgerät, dieses wurde von der Firma M. Aulinger hergestellt. Einen konkreten Hinweis auf das Alter gibt es mal wieder nicht; wahrscheinlich stammt das Gerät aus den 1930ern.

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