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Shitai und O’lwa

22.03.2020 – Hallo und Herzlich willkommen zu meinem neuen Beitrag hier auf Mysterybande.de. Heute habe ich für euch eine klassische urbane Legende aus dem Reich der Yokai – Yūrei – Onryō aus dem wunderschönen Japan. Die Geschichte ist zwar bereits seit einigen Jahrhunderten und dazu auch noch in unterschiedlichen Versionen im Umlauf, jedoch wird sie sich auch heute noch sehr gerne in Japan, aber auch weit über dessen Grenzen hinaus erzählt. Für euch habe ich mich bemüht, diese möglichst getreu aus dem Original zu Erzählen. Also viel Spaß beim Lesen, ihr lieben. LG Wulfi

 

Shitai und O’lwa


Dies ist eine Geschichte der finstersten Form von Rache. Eine Geschichte von Tod und Leid. Eine Geschichte, diese von dem dunklen Schicksale einer jungen Frau erzählt, deren Träume und Sehnsüchte ihr für immer unerfüllt blieben. Der Traum von einer glücklichen Familie mit einem sie liebenden Ehemann ebenso wie ein eigenes Kind. Ihre tiefe Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit gleichsam wie ihre Suche nach dem ewigen Glück und tiefer Harmonie.

Es war einmal im alten Japan. Einstmals vor vielen Jahrhunderten lebte dort ein sehr bösartiger Mann namens Shitai, einem Sohn adeliger Eltern und somit aus einem reichen, blaublütigen Hause entstammend, dieser durch seine mörderischen wie gleichsam finsteren Handlungen seine ungeliebte Ehefrau in einen dämonischen, von tiefen Rachegelüsten geleiteten Geist verwandelte. Der Name seiner unglücklichen Frau war O’lwa, und er ermordete sie nur, weil er für sich eine andere Frau wünschte. Besser, schöner und klüger sollte sie sein und sich seiner als würdiger erweisen, als O’lwa es seiner Meinung nach je tat. Seine Frau aber war schwanger von ihm, und so war es ihm nicht erlaubt, sich von ihr Scheiden zu lassen. So verlangte es das Gesetz. Finstere Pläne schmiedete Shitai nun im Geheimen gegen seine Frau, um diese zu Ermorden und zugleich für sein Kind eine vermeintlich bessere Mutter zu finden. Doch musste er noch warten, bis seine Frau ihr gemeinsames Kind gebar, denn nicht nur liebte er sein Kind nein, denn es war zudem ein männlicher Stammhalter, den O’lwa für ihn in Bälde gebären sollte.

Doch kaum war das Kind geboren, geschah es und ihr böser Ehemann Shitai vergiftete sie, indem er ihr ein tödliches Gift aus wilden Vogelbeeren unter ihr Essen beimischte, als keiner mehr im Hause weilte außer sie drei. Das schreckliche Gift führte dazu, dass sich O’lwas Haar in ein tiefes Schwarz verfärbte und ihr in blutigen Strähnen ausfiel, ihre Augen sich aus ihren Augenhöhlen weit hervorwölbten, ihr hübscher Mund es ihrem Haare bald gleichtat und sich ebenso in ein tiefes schwarz verfärbte. Mit dem einsetzten ihres sicheren Todes, der sie nun überwand, erkannte sie jetzt zu ihrem großen Entsetzen, dass es wohl ihr Manne war, der sie vergiftet hatte. In ihrer Verzweiflung tötete O’lwa ihr Neugeborenes mit ihren letzten Kräften, denn niemandem, außer ihr selbst, stand es zu, über das künftige Schicksal ihres Sohnes zu bestimmen. Nicht einer anderen Frau und schon gar nicht ihrem nunmehr zutiefst verhassten Ehemann Shitai.

Sie würgte ihren eigenen Sohn mit ihren bloßen Händen und ihren letzten Kräften zu Tode und drückte diesem so seine kleine und unschuldige Seele aus dem Leibe heraus bis zu seinem letzten Atemzuge. O’lwa verfluchte noch mit ihrem letzten Lebenshauch ihren verhassten Mann und schwor ihm tödliche Rache.

,,Weit über ihren Tod hinaus, so sprach sie, würde sie ihm von nun an verfolgen und Shitai das Leben wie auch die Zeit nach seinem Tode ihm auf ewiglich zur Hölle auf Erden machen.‘‘

Shitai aber empfand keine Reue für den Mord an seiner Frau. Nein. Er betrauerte lediglich den Verlust seines Sohnes, diesem er deshalb auch bald darauf ein pompöses Grab in seinem riesigen Garten erbauen ließ, ebenso wie seiner Frau, dieser jedoch nur deshalb um den Schein zu wahren. Doch dauerte seine Trauer nicht allzu lange, denn von nun an konnte er ja schließlich tun, was immer er auch wollte oder so dachte er es sich zumindest. Denn er stellte nämlich schon sehr bald fest, dass seine schmutzige, bösartige Tat einen noch sehr schrecklichen Preis für ihn haben sollte.

Denn von den blankpolierten Steinböden seines Hauses über die Glasscheiben seiner Fenster dort sowie in allen Spiegeln ja, in allem gar spiegelte sich von nun an das finstere Antlitz von O’lwas völlig entstelltem, gespenstischen Gesicht wider. O’lwa beschimpfte Shitai auf das schlimmste und zeigte ihm dabei immer und immer wieder die Leiche seines toten Sohnes. Wenn er in den Garten ging, so sah er sie dort über den leblosen Körper ihres Kindes gebeugt, gefangen in tiefer Trauer weinend und wie sie seine winzig kleinen Eingeweide verspeiste, um sich so die dämonischen Kräfte für ihre Rache zu hohlen. Ihre bitteren Anschuldigungen erklangen ihm wie ein unaufhörliches Echo in seinen Ohren Tag ein Tag aus, und sie verfolgten Shitai noch bis in seine tiefsten Träume hinein ja und ließen sie zu qualvollen Albträumen für ihn werden.

Trotzig, unbeirrt und böse, wie er jedoch nun einmal war, heiratete Shitai dennoch seine junge Geliebte und dachte, dass O’lwa die Sinnlosigkeit ihres dämonischen Treibens wohl in Bälde erkennen würde. Doch weit gefehlt, denn am Tage seiner Hochzeit, als er den Brautschleier seiner jungen und wunderschönen Geliebten, diese seinem Stande gemäß, noch dazu aus einem gutem und reichem Hause stammend lupfte, um seine Braut zu küssen, sah er nur O’lwas gespenstisches Bildnis vor sich, das ihn mit tiefstem Hasse erfüllt anstarrte. Mit Schrecken und gruseligem Ekel zugleich musste er sehen, wie das blutige Gift, das er dereinst ihr verabreichte, aus ihren Augen, Ohren, Nase und Mund herauslief und es ihm voller Abscheu mit Wucht in sein Gesicht spie. Sie riss sich das Brautkleid auf, und Shitai sah so den aufgerissenen Bauch seiner Frau vor sich mit seinem toten Sohne darin liegend.

Angetrieben von seinem fürchterlichen Schrecken seiner Furcht wie seinem Entsetzten zugleich zog Shitai nunmehr im Affekt sein zeremonielles Schwert heraus und enthauptete so das schreckliche Gespenst O’lwas mit nur einem einzigen hiebe. Ihr Kopf flog dabei, eine lange Fontäne aus spritzendem, tiefrotem Blute verursachend zu Boden herab. Es herrschte nunmehr eine betroffene Stille in der Hochzeitsversammlung und ein schweigendes Entsetzen.

Doch war diese Stille Laut, Ohrenbetäubend, ja, man konnte die Stille in einem dröhnenden Klang in seinen Ohren vernehmen, denn sie war schreiend, gar durchtränkte sie die Luft, und die völlige Bestürzung stand ihnen allen der gesamten Hochzeitsgesellschaft gemeinsam in ihre Gesichter geschrieben.

O’lwas abgeschlagener Kopf, lächelte Shitai noch ein letztes Mal böse entgegen und verwandelte sich daraufhin vor seinen Augen in den Kopf seiner jungen Geliebten zurück. Er fiel jetzt bestürzt auf seine beider Knie, hernieder zu Boden und versank in entsetzlicher Trauer, als er seine Schreckenstat nun erkannte. Kreidebleich war er nun schwach, hilflos und dem Tode geweiht.

Sein Herz gefror ihm noch dabei in heftigen Krämpfen zuckend zu Eis, bevor es ihm in seiner Brust letztlich schmerzend erstarrte. Ja, das Gift des Yūrei – Onryō tat ihm fürwahr nun seine tödliche Wirkung kund. Shitai hatte seine eigene geliebte Erschlagen und mit ihr seinen noch ungeborenen Sohn getötet. O’lwas und der Geist seines Sohnes erschienen Shitai nun während seines Todeskampfes gegen das tödliche Gift. Ganz in ein edles, seidiges, weißes Tuch gehüllt. O’lwa leuchtete in einem heiligen Lichte auf, lächelte gütig zu ihrem Sohne herab und erschien ihm, dem bösen Shitai, so als überglückliche Mutter mit ihrem kleinen Jungen im Arm. Ein weißer Engel kam herbeigeflogen, und es öffnete sich ein helles Portal droben zum Himmelzelte hinauf. Der Engel begrüßte die beiden, nahm O’lwa dann an die Hand und begleitete sie und ihren Sohn in das Portal, woraufhin sie dort hinein entschwanden, vereint in ihrem ewigen Glück und tiefster Seligkeit.

Für Shitai jedoch kam niemand herbei. Nein, denn er starb, einsam und mit gebrochenem Herzen belegt mit einem auf ewiglich ihn verbannenden Fluche, auf das er für immer und für alle Zeit als ruheloser böser Geist auf Erden in Einsamkeit wandeln und in seinem Garten verbleiben müsse. Von jenem finsteren Tage an musste Shitai den Tod seiner geliebten sowie seines ungeborenen Sohnes immerzu aufs neuerliche Erleben wie gleichsam auch seinen eigenen. Shitai wurde verdammt zu einem ewigen Leben und einem ewiglichen Todeskampfe voller Schmerz, Trauer, Leid und Elend. Einsam und verlassen für alle Zeit. Auch O’lwa erschien ihm weiter jeden einzelnen Tages auf das neue und schenkte ihm zu seinem Unglücke dazu all die schrecklichen Visionen mit, diesen sie ihn auch schon zuvor noch zu seinen Lebzeiten verfolgt hatte.

Und so wandelt der ruhelose, verfluchte Geist von Shitai auch heute noch in seinem prachtvollen Garten neben seinem Palast einsam umher. Dort oben auf dem wunderschönen Berge vor den Toren der heutigen japanischen Hauptstadt Tokio gelegen.

Erläuterungen zu den Yūrei/Onryō

ERSCHEINUNGSBILD:

Die am meisten gefürchtete Art von Yūrei ist das Onryō. Onryō sind die Geister von Menschen, die mit so starken und leidenschaftlichen Gefühlen wie Eifersucht, Wut oder Hass – gestorben sind, dass ihre Seele nicht weiterreisen kann ins Jenseits, sondern sich stattdessen in einen mächtigen, zornigen Geist verwandelt, der Rache an allem sucht, was ihm begegnet. Onryō erscheinen immer so, wie sie es bereits getan haben, als sie starben. Oft waren sie die Opfer von Kriegen, Katastrophen, Verrat, Mord oder Selbstmord und weisen normalerweise Wunden oder Spuren auf, die auf die Art und Weise hinweisen, wie sie einst gestorben sind.

Interaktionen:

Ihr Motiv ist immer dasselbe: Rache. Onryō sind mächtig und einflussreich genug in unserer Welt, um jede Person schnell zu töten; Sie ziehen es jedoch vor der Person ihres tiefen Hasses ein langes Leben voller Qualen und Leiden führen zu lassen und diejenigen zu beobachten, von denen er weiß, dass sie mit ihm leiden und sterben. Sie fügen den Menschen oder den Orten, die sie verfolgen, einen schrecklichen Fluch zu. Dieser Fluch kann durch Kontakt wie eine ansteckende Krankheit auf andere übertragen werden, wodurch ein finsterer Kreis von Tod und Zerstörung entsteht, der weitaus verheerender ist, als zu was jeder gewöhnliche Geist befähigt wäre. Sie machen keinen Unterschied, auf wen sie mit ihrem Groll zielen; sie wollen nur zerstören. Darüber hinaus kann diese Rache niemals befriedigt werden, wie es für die meisten Geister der Fall ist. Während die meisten Yūrei eine Person oder einen Ort nur so lange verfolgen, bis sie exorziert oder beschwichtigt worden sind, infiziert der schreckliche Groll eines Onryō einen solchen Ort noch lange, nachdem der Geist sich selbst zur endgültigen Ruhe gebetet hat.

Gelegentlich entsteht der Fluch eines Onryō nicht aus Hass und Vergeltung, sondern aus intensiver, leidenschaftlicher Liebe, diese sich zu extremer Eifersucht oder Enttäuschung pervertiert. Diese Onryō verfolgen ihre ehemaligen Liebhaber, fordern ihren Zorn auf neue Romanzen, zweite Ehen ihre Kinder und zerstören schließlich das Leben derer, die sie so sehr zu ihren Lebzeiten geliebt hatten. Was auch immer der Ursprung sein mag, der unbarmherzige Zorn des Onryō macht ihn zu einer der am meisten gefürchteten übernatürlichen Wesenheiten in ganz Japan.

LEGENDEN:

Zweifellos der bekannteste Onryō und einer, dessen Groll bis heute besteht, ist eben dieser Geist von O’lwa: einer jungen Frau, die brutal entstellt und dann von ihrem bösen und gierigen Ehemann aus Habgier und Geltungssucht heimtückisch ermordet wurde.

Ihre Geschichte wird in Yotsuya Kaidan, der Geistergeschichte von Yotsuya erzählt und viele Male auch in Büchern wie Ukiyo-e, Kabuki und Filmen nacherzählt. Wie bei Shakespeares Macbeth geht die Legende davon aus, dass ein Fluch ihre Geschichte begleitet und dass diejenigen, die sie nacherzählen, Verletzungen und sogar den Tod erleiden werden. Bis heute besuchen Produzenten, Schauspieler und ihre Crews das Grab von O’lwa in Tokio, bevor Yotsuya Kaidan produziert oder adaptiert wird. Sie beten für ihre Seele und bitten um ihren Segen, um so ihre Geschichte noch einmal erzählen zu dürfen.

Eine kleine Information am Rande:

Ich weiß eigentlich, wollte euch eine Hörversion bieten, aber leider bin im Moment erkältet. (Wirklich nur erkältet mit Heiserkeit und Schnupfen.) Da ich euch aber dennoch einen Beitrag bieten wollte, um so vielleicht auch ein bisschen mehr Aktivität und Leben auf die Seite zu bringen, habe ich den Beitrag eben noch ein letztes Mal als reine Leseversion hochgeladen.

LG Wulfi

 

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