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Die Wilde Jagd

05.01.2020 – Du möchtest auf gar keinen Fall da draußen in der freien Natur unterwegs sein, schon gar nicht, aber Hilflos und alleine sein, wenn die gespenstische wie gleichsam düstere Prozession der Wilden Jagd unter großem Getöse auf ihren dämonischen Pferden herbei geritten kommt. Dabei begleitet von schwarzen, hundeähnlichen Wesen mit rot glühenden Augen, diese über dir den sternenklaren Himmel entlangziehen unter dem lauten Getrampel von Hufen sowie den düsteren Fanfarenklängen der Jäger. Immerzu fleißig auf der Suche nach ihrer Beute. Nach Dir! Ja, auch Du könntest schließlich eines ihrer nächsten Opfer sein und von ihrem eisigen wie gleichsam stürmischen Todeswind eingesaugt werden, auf das Deine Seele für immer in ihrer Geiselhaft gefangengehalten wird. Denn genau das ist die Wilde Jagd, eine wilde Horde fürchterlicher, gar grausamer Seelenjäger im Auftrage der Götter unterwegs, ohne Mitleid oder Erbarmen.

 

Aber was genau ist die Wilde Jagd denn nun wirklich?

Die Wilde Jagd

Teil 1.

Überall in Mittel,- West- und Nordeuropa ist die Wilde Jagd ein sehr bekannter Volksmythos, rund um einen geisterhaften Anführer und seiner wilden Horde, von dämonischen Jägern und Hunden, die über den eisig kalten Nachthimmel fliegen, begleitet nur von den Geräuschen des heulenden Windes sowie dem hallenden schlage der Hufe ihrer Pferde. Die übernatürlichen Jäger werden entweder als Untote, Elfen oder in einigen Fällen sogar auch als Feen bezeichnet. In der nordischen Tradition war die Wilde Jagd auch ein Synonym für große Winterstürme oder dem regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten.

Der Ursprung der Wilden Jagd.

Die angelsächsischen Chroniken, eine der ältesten Quellen der angelsächsischen Geschichte, erwähnen die Wilde Jagd erstmals im Jahre des Herrn 1127 n. Chr. Johannes Scheffer erzählte im Jahre 1673 in seinem Buch Lapponia Geschichten von den Lappländern oder den Sami über die Wilde Jagd. Die Autorin Hélène Adeline Guerber schrieb im Jahre 1895 über Odin und sein Ross Sleipnir in ihren Werken über die Mythen und Sagen der nördlichen Länder. Sie erzählte ihren Lesern, wie die Seelen der Toten von den stürmischen Winden der Jagd auf und davon gen Himmel empor getragen würden.

Das Konzept wurde 1835 vom Autor und Mythologen Jacob Grimm in seinen Arbeiten über die Deutsche Mythologie populär gemacht. In seiner Version der Geschichte mischte er Folklore mit Textzeugnissen vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Viele kritisierten seine Methoden allerdings, diese die Dynamik der Folklore betonten. Er glaubte, der Mythos habe vorchristliche Wurzeln, und sein Anführer stütze sich angeblich auf die Legenden von Odin und auf die dunklere Seite seines Charakters. Er glaubte auch, dass der Anführer der Jagd gar eine Frau gewesen sein könnte, vielleicht sogar eine heidnische Göttin namens Berchta oder Holda. Auch glaubte er zudem, die Frau könnte ebenso Odins Ehefrau gewesen sein.

Die Legende.

Die Jagd solle in den kältesten sowie auch den stürmischsten Zeiten des Jahres jagend durch die tiefen und undurchdringlichen Wälder des Nordens ziehen. Jeder, der sich zu dieser Zeit im Freien befände, würde unfreiwillig in die Jagdgesellschaft mit hineingezogen und würde so kilometerweit von seinem ursprünglichen Standort entfernt, von den Jägern vom Himmel herab wieder zurück zu Boden geworfen. Praktizierende Magier haben möglicherweise gar versucht, sich den Berserkern im Geiste anzuschließen, während ihre Körper dabei sicher zu Hause verblieben. Grimm postulierte, dass sich die Geschichte unweigerlich von vorchristlichen zu modernen Zeiten wandelte. Der Mythos begann ursprünglich als eine Jagd, die von einem Gott und einer Göttin geführt wurde, die während einer heiligen Reise das Land ihrer Untertanen, den Menschen besuchten, Segen brachten und Opfergaben von diesen Menschen annahmen. Sie konnten von den Menschen in den heulenden Winden gehört werden, wurden aber in späteren Erzählungen umgedeutet und als ein Rudel von fleischfressenden Ghulen mit böswilliger Absicht interpretiert.

Der Anführer der Jagd.

Die zahlreichen Variationen der Legende erwähnen auch ebenso viele verschiedene Führer der Jagdgesellschaft. In Deutschland ist der Anführer unter verschiedenen Namen bekannt, beispielsweise Holt, Holle, Berta, Foste oder auch Heme. In den meisten Fassungen kommt jedoch häufiger eine sehr bestimmte Figur vor: (Odin auch Wotan genannt.) Odin ist unter zwei besonderen Namen bekannt, die sich auf die Zeit beziehen, in der die Wilde Jagd angeblich stattfand: Jólnir und Jauloherra. Beide werden bezogen auf den Meister des Julfestes, einem Fest, das unter anderem dem Wechsel der Jahreszeiten gewidmet ist.


Die Legende von der Jagd wurde im Laufe der Jahre stark angepasst, sowohl je nach geografischer Lage als auch nach Kulturkreis. Auch der Anführer der Jagd und seine Erscheinungsform wandelten sich dabei mit. Im Mittelalter als heidnische Gottheiten der Vergangenheit angehörten und die letzten Heiden sowie heidnischen Traditionen verfolgt wurden, wurde der Held der Geschichte zu großen Personen wie Karl dem Großen, König Artus oder Friedrich Barbarossa, (der Heilige römische Kaiser im 12. Jahrhundert) uminterpretiert.

Im 16. Jahrhundert soll gar ein gewisser (Hans von Hackelnberg) die Wilde Jagd angeführt haben. Seine Geschichte erzählt, wie er einen Eber tötet, versehentlich seinen Fuß auf den Stoßzahn des Ebers stößt und sich so versehentlich selbst vergiftet. Die Wunde war tödlich, weil entzündet und infiziert, und von Hackelnberg erklärte Gott nach seinem Tode, er wolle nicht in den Himmel kommen, sondern auch weiterhin seiner großen Leidenschaft, seiner Berufung folgen – der Jagd. Er wurde dann gezwungen, dies für alle Ewigkeit am Nachthimmel zu tun oder, wie in alternativen Versionen berichtet, dazu verurteilt, die Wilde Jagd höchstpersönlich anzuführen. Verschiedene Quellen allerdings nennen seinen Namen auch im Zusammenhang mit einer möglichen Verfälschung des Namens von Odin durch böswillige kirchliche Säuberungsaktionen gegen heidnische Mythen und Sagengestalten.

In Wales gibt es eine Variation der Geschichte, in der behauptet wird, der Anführer sei (Gwynn ap Nudd oder auch der Lord of the Dead ) genannt. In dieser Version folgt dem Herrn der Toten ein Rudel schneeweißer Hunde mit blutroten Augen. Im alten England tauchen dieselben weißen Hunde allerdings mit blutroten Ohren in den Legenden auf. Sie wurden die Gabriel-Hunde genannt, und es wurde erzählt, sie würden dir dein Schicksal deuten, wenn du sie siehst. (Herne the Hunter oder Herlathing) soll der Anführer der Jagd in Südengland gewesen sein und möglicherweise mit dem mythischen König Herla in Verbindung stehen. Die Orkney-Insel-Tradition spricht von Feen oder Geistern, die nachts herauskommen und auf weißen Pferden galoppieren. In Nordfrankreich soll Mesnée d’Hellequin, die Göttin des Todes, die geisterhafte Prozession angeführt haben.

Regionale Versionen.

Kleriker aus dem 12. Jahrhundert in Großbritannien wollen verschiedenen Berichten zufolge die Wilde Jagd höchstselbst miterlebt haben. Sie behaupteten, es seien etwa 20 bis 30 Jäger in einer einzigen Gruppe, und die Jagd dauere genau neun Wochen. Die früheren Berichte über die Wilde Jagd stellten die Teilnehmer im Allgemeinen als teuflische Gesellen dar, während die Jäger in späteren mittelalterlichen Nacherzählungen stattdessen zu Feen umgedeutet wurden. Einige glauben, dass der Ursprung der Legende mit den Dandy-Hunden zusammenhängt. In der Geschichte wollte Dando einen Schluck Wasser verfluchte seinen Jäger, weil er keins bekommen hatte und wurde dann von einem Fremden mit Wasser versorgt. Der Fremde stahl Dandos gesamtes Hab und Gut und Dando selbst und ließ seine eigenen Hunde ihn daraufhin jagen und hetzen. Eine andere Version konzentriert sich auf König Herla, der gerade den König der Feen besucht hatte. Dem König wurde befohlen, nicht von seinem Pferd abzusteigen, bis der Windhund, den er trug, zuerst heruntergesprungen war. Angeblich ganze drei Jahrhunderte vergingen, und seine Männer ritten derweil weiter, da der Hund indes noch immer nicht vom Pferde heruntergesprungen war.

In Deutschland wird der Jäger manchmal mit einem Teufel oder auch einem Drachen in Verbindung gebracht und reitet auf einem Pferd, begleitet von zahlreichen wilden Hunden. Die Beute ist normalerweise eine junge Frau, die entweder jungfräulich war oder eines schweren Verbrechens schuldig gewesen ist, je nach Version. Oft wird auch erzählt, der Schweif der Wilden Jagd, erzähle von jemandem, der der Jagd schon einmal Entkommen war und wer diesen im Winde wehenden Schweif höre, der Würde belohnt werden, wenn er wüsste und diesem erzählte, wo nur sich diese vom Jäger begehrte Beute aufhalte. Wenn du dich der bösen Horde allerdings widersetzt oder dich ihr gar zum Kampfe stellst, wirst du schlechterdings auf das grausamste bestraft werden. Nur wenn du den Jägern hilfst, wirst du mit Geld oder dem Bein eines getöteten Tieres dafür belohnt werden, so heißt es weiter. Leider ist sowohl das Geld als auch das Bein normalerweise verflucht, und es ist gar gänzlich unmöglich, diesen Fluch ohne die Hilfe eines mächtigen Magiers oder Priesters wieder loszuwerden. Die Erzählungen erwähnen auch, dass jemand, der mitten auf einer Straße stehe und dabei Eifrigst ein Gebet spricht, vor der Jagdprozession sicher sei und sie an diesem vorbeiziehe, ohne ihm dabei auch nur eines Blickes zu würdigen, geschweige denn ein Haar zu krümmen.

Die Wilde Jagd

Teil 2.

Aber auch ganz allgemein ist im gesamten nordisch/germanischen Kulturraum die Sage von der Wilden Jagd oder dem Wilden Heer sehr bekannt sowie auch bis heute äußerst Präsent. Es gibt wohl niemanden, der nicht irgendeine dieser doch sehr weitverbreiteten Sagen einmal hörte, und in allen nordisch/deutschen Landesteilen wird sie auch heute noch eifrig erzählt. Dagegen ist die Zahl jener gering geworden, die selbst glauben, die Wilde Jagd schon einmal gesehen oder wenigstens von jemandem gehört zu haben, der die Jagd sah. Man weiß über sie nur, was von den Vorfahren darüber erzählt wird, aber das ist immerhin noch eine ganze Menge. Wegen dieser starken Verbreitung muss man feststellen, dass der Sagenkreis von der Wilden Jagd einer der wesentlichsten innerhalb der deutschen Volksmythen überhaupt ist, und gerade bei diesem Mythos sind wir in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass er auf gar uralten Überlieferungen beruht. Ja, der Mythos von der Wilden Jagd reicht sogar bis weit in die altgermanische Zeit zurück.

Das ergibt sich einmal aus alten Belegen heraus, sodass in ähnlicher Weise die Sage vom Wilden Heer auch in anderen germanischen Ländern Europas sehr bekannt ist. Betrachten wir doch nur einmal die zahlreichen deutschen Sagen von der Wilden Jagd, die in allen Landschaften von fleißigen Chronisten aufgezeichnet und zusammengetragen wurden, so erkennen wir leicht bestimmte Grundzüge, die immer wiederkehren. Zwar wechseln die Namen von Landschaft zu Landschaft, aber die Grundgestalt bleibt. In den Sturmnächten des Winters, vor allem in den Zwölf-Heiligen Nächten der Weihnacht und in der Fastnachtszeit, aber auch an den Festtagen des Wonnefrühlingsmonats Mai, zieht die Wilde Jagd gar umtriebig durch die Lande umher.

 

Des nächtens zieht sie im Sturme tief unter den Wolken über die dichten Wälder des Nordens hinweg. Meist hört man nur, so erzählt man sich, ihr wildes Lärmen und Toben, ohne dass man etwas hierbei von ihnen selbst am Himmelzelt erkennen könne. Manchmal will man bestimmte Einzelheiten wahrgenommen haben, so zum Beispiel das laute Knallen von Peitschen, das Blasen von Hörnern, das Wiehern und Schnauben von Rossen, das Gekläff von Hunden. Rosse und Hunde fehlen fast nie im Zuge der Wilden Jagd ja, mitunter sogar besteht sie nur aus einem Reiter auf einem weißen Pferde, der umgeben ist von einer Meute schwarzer Hunde mit blutroten Augen. Öfter ist der Schimmelreiter auch der Anführer einer größeren Schar von Männern, die ihm ebenfalls beritten zu Pferde im Trosse folgen.

 

Mit einem großen Toben und Lärmen braust es heran, das wilde Heer zieht manchmal dicht über die Dächer hinweg durch die Dorfstraßen hindurch und verschwindet dann wieder in der Ferne. Mitunter auch verwandelt sich das Lärmen und Brausen in eine wunderbar erklingende Musik, wie sie sonst auf Erden nicht zu hören ist. Erst wenn es nahe herankommt, klingt es dann wieder wie ein gar schreckliches und Angst, erzeugendes Toben und Tosen. Die Musik der Wilden Jagd hat in manchen Gegenden sogar einen besonderen Namen und heißt die Englische oder auch die Wilde Musik. Ferner erzählt man, dass der Wilde Jäger am ganzen Leibe brenne oder dass das Wilde Heer von einem feurigen Glanz umgeben sei und eine feurige Spur aus loderndem Flammenschlag hinterlasse.

 

Sehr merkwürdig und auch bis heute noch nicht genauer untersucht ist der immer wiederkehrende Zug in unserer Volkssage vom Wilden Heer, sodass es ganz bestimmte Wege in jedem Jahr entlang zöge. Es kommt aus einer ganz bestimmten Richtung, zieht über jenen Berg über den und den Weg am Hause eines bestimmten Bauern vorbei und nicht nur das: zur bestimmten Stunde erscheint es auf diesen Wegen. Man hat vermutet, dass es sich bei diesen Wegen, über die die Wilde Jagd zieht, um alte Straßen für Kultische Zwecke benutzt handelt, und das bestätigt sich auch daraus, dass es auch heißt, das Wilde Heer ziehe über die Grenzwege. („Wo de Grenzen sahn heben dir all de Will Jagd treckt heben,“) erzählt man in Mecklenburg. Diese Dorfgrenzen wurden bekanntlich früher, wie es zum Teil heute noch hier und da geschieht, jährlich einmal in feierlichem Umzuge umgangen oder umritten. Hier berührt sich die Sage also eng mit einem Brauch, und das lässt sich auch noch häufiger beobachten. Zu bestimmten Zeiten wurde das Wilde Heer auch von maskierten Burschen dargestellt, und zwar in diversen, dem Heidentum entlehnten Aufführungen.

 

Das geschah in den Zwölf-Heiligen Nächten und vor allem in der Fastnachtszeit, deren volkstümliche Maskenbräuche, die in den Städten längst zu einem bloßen Spiel verflachten, auf dem Lande noch vielfach den alten Sinn deutlich bewahren konnten. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die folgende Erzählung aus dem hannoverischen Raum: „In den Zwölften jagt der Heiljäger (so heißt hier der Wilde Jäger) auf der Erde, zu anderer Zeit zieht er durch die Lüfte.“ Auf der Erde zieht er eben an den alten Festtagen, an denen er dargestellt wird. Im Brauchtum der zwölf Nächte ist der Schimmelreiter eine immer wiederkehrende Gestalt.

 

Ein junger Bursche wird mithilfe eines weißen Lakens, mit dem er bedeckt wird, und eines Pferdeschädels, der ihm vorne angebunden wird, in einen Schimmel verwandelt, er erscheint unter großem Hall oh, in den Spinnerei-Stuben und weissagt den Mädchen. Ein weitverbreiteter sagenhafter Ruf haftet an der Jagd, das dort, wo das Wilde Heer gewesen sei, im kommenden Jahre das Korn besonders gut gedeihe, dementsprechend knüpft sich derselbe Glaube an den Tanz der maskierten Burschen, an die in den Zwölften und der Fastnachtszeit das Wilde Heer darstellend, umziehen. Der Bauer sieht es sehr gern, dass sie auf seinem Acker herumtollen, denn wo sie getanzt haben, so heißt es da, wird das Getreide so hoch wachsen, wie ihre Sprünge es gewesen seien. Das Wilde Heer, so die Legende, bilden die segenbringenden Totenseelen der gefallenen Krieger, die zu bestimmten Zeiten aus dem Berge dem Totenberge hervorkommen und im wilden Krieger tanze umherziehen.

 

Ihr Kommen ist den Lebenden erwünscht, denn sie bringen den lebenden viel Glück und Gedeihen. Aus diesem Volksglauben erklärt sich schließlich recht einfach der Brauch, die Wilde Jagd Folkloristisch darzustellen. Die Burschen, die das Wilde Heer verkörpern, sind, solange das Fest dauert, in die Toten verwandelt, die sie darstellen. Daher dürfen sie nicht während des Umzuges mit ihrem Namen angerufen werden. Die Umstehenden, die unter den Maskierten einen Bekannten erkennen, dürfen den Namen nicht nennen. Sie rauben sonst dem Betreffenden jenes Segens jene Kraft, die er als in den Vorfahren Verwandelter besitzt und weiterzugeben vermag. Mit seinem eigentlichen Namen genannt wird er aber Entmächtigt und in die Alltagssphäre zurückgezogen. Im einzelnen ist in die vielfältigen Sagen, die sich um die Erscheinung des Wilden Heeres gesammelt haben, auch manches Jüngere eingeflossen.

 

Weit verbreitet ist so unter anderem die doppelte Bezeichnung desselben Erscheinungsbildes: Wildes Heer und Wilde Jagd. Immerhin spricht einiges dafür, dass die Bezeichnung Wilde Jagd jünger ist. Wesentlich gehören zur Wilden Jagd eben Reiter und Hunde, wesentlich ist ferner aber auch das Rufen und Hörner blasen, sodass diese Erscheinung immer wieder die Erinnerung an einen Jagdzug hervorrief und so zur Namensnennung „Wilde Jagd“ veranlasste.

 

Aus diesem Namen wird nun Weiteres heraus gesponnen. Der Anführer der umziehenden Totenseelen wird als Wilder Jäger oder ewiger Jäger bezeichnet, und es besteht die späte Erklärung der Verlegenheit, die keine echte Volkssage ist, der Wilde Jäger sei irgendein Förster oder Adeliger, der in dieser Gegend einmal gelebt habe und der durch seine verderbliche Jagdleidenschaft sich habe hinreißen lassen, selbst sonntags während des christlichen Gottesdienstes auf die Jagd zu gehen. Daher sei er verdammt, auf ewiglich zu jagen und keine Ruhe zu finden. Das Totenheer und sein Anführer ziehen nicht dauernd umher, sondern nur selten und meist auch nur zu ganz bestimmten Zeiten, sonst aber ruhen sie im Totenberge. Spät erschienen ist auch die Auffassung, dass das Erscheinen des Wilden Heeres großes Unglück bedeute. Die echte und vielfach ältere Volksüberlieferung meint, dass es vielmehr Segen über die Menschen bringt. Dagegen ist wiederum gut seit alters her bezeugt, dass das Erscheinen des Wilden Heeres den Krieg vorhersage. Wir müssen das eher so auffassen: Wenn das Totenheer zu einer anderen Zeit als der gewohnten, in der es in einer bestimmten Landschaft zu erscheinen pflegte, gehört würde, so schließt man daraus auf einen bevorstehenden großen Kampf. Die erscheinenden Totenseelen sind gefallene Krieger, die ihren Stammesgenossen zu Hilfe eilen, denen sie in der Schlacht zur Seite stehen werden.

 

Von hier aus ergibt sich dann auch die Erklärung für den anderen Namen des Wilden Heeres ferner, aber auch für den wichtigsten Namen des die Kriegsschar anführenden Schimmelreiters, den wir bisher noch nicht nannten. Der Anführer heißt nämlich häufig „der Wode“. Dieser Name ist in der vielfältigsten Weise in den einzelnen Landschaften mundartlich abgewandelt. Aus Dänemark ist uns der Name Odins Jäger überliefert, in Schweden spricht man von der Odensjagd, dem entspricht in Deutschland eine Bezeichnung Wodansjagd bzw. Wodansheer aus, der dann im Althochdeutschen Wuotansheer werden musste. Dieser Name ist uns noch erhalten in den Bezeichnungen Wuotasheer, Wütenheer etc. Als sie nicht mehr verstanden wurden, machte man daraus das „Wütende Heer“. Es ist uns also der doch recht erstaunliche Befund festzustellen, dass hier bis in die Gegenwart hinein der Name des germanischen Hauptgottes des Kriegsgottes Wodan, der auf nordgermanisch Odin heißt, in vielfältiger Form erhalten geblieben ist.

 

Nach altgermanischer, mythischer Sage sammelt Odin um sich nur die besten Krieger, und nur der im Kampf Gefallene kommt zu ihm zu, der glänzend Feste der Walhalla. Sie sind die auserwählten, diese unter der Führung ihres Gottes höchstselbst in der Endzeit, dem Ragnarök zum Kampfe anzutreten, gegen die Mächte der Zerstörer aller Welten. Das die Erscheinung des Wilden Heeres zu einer besonderen Zeit einen Kampf anzeigt, ist uns unter anderem auch durch den isländischen Gelehrten und Dichter Snorri bereits für Schweden im 12. Jh. bezeugt: „Die Schweden glaubten Odin offenbare sich ihnen, bevor große Kämpfe stattfänden.“ An einer anderen Stelle schildert er eine solche Offenbarung Odins vor einem Kampfe als einen Durchzug des Wilden Heeres.

 

 

Manchmal, so erzählt man sich in ganz Deutschland, ziehe das Wilde Heer nicht nur mitten durch Dörfer hindurch, sondern sogar durch ein Haus oder eine Scheune, die auf seinem Wege liegt. Im Allgemeinen gilt es als für sehr gefährlich, der Wilden Jagd nur allzu nahezukommen, man muss ihr den Weg frei machen, sich hinwerfen, man soll auch nicht vorwitzig ihr auflauern, denn wie gleichsam viele Sagen zu berichten wissen sind schon manche von der Wilden Jagd mitgenommen und fern der Heimat an fremden Orten erst wieder nach der Luftreise durch die Welten wieder abgesetzt worden.

 

Entsprechend soll man in der Zeit, in der im Allgemeinen das Wilde Heer zieht, auch die Türen und Fenster zuhalten, sonst dringe die wilde Schar der Horde in das Haus ein. Besondere Vorsichtsmaßregeln sind notwendig bei Häusern, in denen zwei Tore vorn und hinten sich geradewegs gegenüberliegen. Durch sie zieht der Wilde Jäger gern hindurch. Von vielen solchen Häusern wird erzählt, dass es gänzlich unnütz gewesen ward, in der Zeit des Umzuges des Wilden Heeres die beiden gegenüberliegenden Tore geschlossen zu halten, vielmehr seien sie beim Herannahen der Wilden Schar aufgesprungen. In rasendem Galopp zog sie dann eiligst hindurch, worauf die Tore wieder zuschlugen. Oder es heißt, der Knecht des einsamen Bauernhauses, durch das jährlich das Wilde Heer hindurchzog, musste immer rechtzeitig dafür sorgen, dass die Tore geöffnet wurden, die sonst zerschlagen worden wären. Wie wir schon sahen, sind viele Züge unserer Sagen von dem mit ihm eng verknüpften Brauchtum beeinflusst.

 

Auch die Sage vom Durchzug des Wilden Heeres gründet sich ursprünglich in einem Kultischen Brauch. Zu bestimmten Festzeiten, aber auch vor und nach dem Kriege wurden bestimmte Torbauten durchzogen, von dem ein letzter Ausläufer übrigens noch in unseren Triumphtoren und Ehrenbogen erhalten ist. Der Durchmarsch durch das kultische Tor bedeutete nach alter Auffassung Wiedergeburt und Vereinigung mit den göttlichen Ahnenseelen. Die kriegerische Schar, die durch das Tor hindurchzieht, schmiedet sich zu einer Bruderschar eng zusammen und vereinigt sich so mit den göttlichen Ahnen, die ihnen in ihrem Kampf helfen und den Sieg verbürgen. Diese enge Verknüpfung und das Ineinander spielen von Sage und Brauch bestätigen uns immer wieder, mit welch uralten Überlieferungen und Erzählungen wir es doch hier zu tun haben. Die Sage vom Wilden Heer ist im Kern ein altes, gar uraltes Erbe aus der goldenen heidnischen Zeit unserer Urahnen.

Skandinavien/nordische Lande.

Die Wilde Jagd wurde in den skandinavischen Varianten des Mythos niemals direkt beobachtet, – nur gehört. Typischerweise warnten dabei das aufgeregte Bellen von Odins Hunden und die plötzlich auftretende eisige Kälte sowie die totenstille des Waldes die Menschen vor ihrer bevorstehenden Ankunft. Die Jagd kündete für gewöhnlich vom bevorstehenden Wechsel der Jahreszeiten oder dem Beginn eines baldigen Krieges in ihrer Folklore. In Schottland ist die Wilde Jagd in einigen Quellen eng mit der Welt der Fenn verbunden. Böse Feen oder auch die Fey genannt, sollen dort vom sogenannten Sluagh- oder auch Unseelie-Hof dem edlen Feenhof, abgezogen worden sein. Die Sluagh sind angeblich aus dem Westen eingeflogen, um sterbende Seelen einzufangen, was dazu führte, dass die Menschen in Schottland bis ins 20. Jahrhundert hinein selbst Fenster und Türen an der Westseite ihrer Häuser schlossen, als sie eine kranke Person im Haus hatten.

Der Sluagh Schwarm.

In den schottischen Legenden wird der Sluagh als ein Schwarm bestehend aus dunklen Feen beschrieben, dieser aus den Seelen verstorbener gottloser sowie auch böser Menschen besteht, die verstarben, ohne jemals getauft worden zu sein. Dieser böswillige Schwarm fliegt, so heißt es normalerweise, nachts vom Himmel aus zu den Menschen herab. Die Feen bekämpfen sich der Überlieferung nach dabei sogar Teils untereinander und jagen so ganz nebenbei auch nach menschlichen Opfern, um sich so zu stärken. Das unglückliche Opfer wird dabei aus großer Höhe attackiert, daraufhin in die Höhe emporgehoben und schließlich gen Boden wieder fallen gelassen. Die Sluagh haben angeblich auch eine Vorliebe für sadistische Spielchen mit den Menschen, da sie ihre Opfer manchmal dazu zwingen sollen, mit vergifteten Pfeilen auf andere Menschen und auch Tiere zu schießen. Um die Sluagh abzuwehren, schließt man angeblich seine Fenster nach Westen, da der Schwarm normalerweise aus dieser Richtung angreifen soll. Ihr übelriechender Leichen artiger Gestank kündigt den Menschen dabei auch ihre baldigst bevorstehende Ankunft an. Ebenso hieß es, auf den Orkneyinseln seien Trows oder auch Trolle genannt beheimatet. Die Kreaturen hassten angeblich das Sonnenlicht und versuchten, Sterbliche zu fangen und zu essen es sei denn, die Menschen hatten das Glück, durch das Überqueren eines Baches zu entkommen. Soviel zur doch etwas seltsamen Version der Wilden Jagd aus der schottischen Folklore.

Im modernen Neu-Heidentum.

Auch in der modernen heidnischen Tradition beziehen die Praktizierenden das Konzept der Wilden Jagd in ihre Rituale mit ein. In den späten 1990er Jahren erlebte die Anthropologin Susan Greenwood ein solches Ritual sogar Hautnah. Sie berichtete, dass die Heiden den Mythos benutzten, um sich selbst zu verlieren und die Harmonie mit der wilden, dunklen Seite der Natur wiederherzustellen. Laut dem Handbuch des Heidentums der Gegenwart umfasst die Jagd die Teilnahme mit Seelen, Toten und Tieren sowie den ritualisierten Kreislauf von Leben und Tod. Die Folklore versuchte, das damals Unerklärliche verständlich zu machen, oft durch die Personifizierung von Begriffen.

Ende

So, ich hoffe doch sehr, euch hat dieser Beitrag gefallen? Wenngleich er doch sehr lang war. Allerdings ist das Thema der Wilden Jagd eben auch äußerst Umfangreich sowie sehr spannend zugleich. Ich habe den Beitrag allerdings deshalb auch in zwei Teile unterteilt, damit ihr später noch einmal weiterlesen könnt und nicht alles auf einmal durchlesen müsst. Na ja, vielleicht werde ich künftig bei sehr langen Beiträgen doch einmal eine Hörversion des Beitrages erstellen. Wer weiß schon, was das neue Jahr so alles mit sich bringt? Jedenfalls schreibt es doch gerne in die Kommentare unten, wie euch der Beitrag denn so gefallen hat, wenn ihr wollt.

LG Wulfi

 

 

20 thoughts on “Die Wilde Jagd

    1. Hallo SooniX,

      Das Spiel selbst habe ich nie gezockt, aber ich habe dafür die gesamten Hexer Bücher verschlungen. Wahrlich einfach nur eine fantastische Geschichte. Danke für deinen Kommentar! 🙂

      LG Wulfi

    2. Hi Wullfi,

      Ich wollte dir danken für deine Beiträge. Ich weiß nicht,ob es anderen auch so geht, die eine Schriftart die du gewählt hast, ist echt schwer zu Lesen. Vielleicht eine weniger Einsicht überlappende Schrift nehmen?

      LG

      1. Hi Anaiwa,

        Ersteinmal, Danke! 🙂 Bis jetzt weiß ich von drei Leuten, das dieses Problem existiert. Ehrlich gesagt, weiß ich aber auch nicht, woran es liegen könnte, denn ich selbst sehe es nicht und wüsste auch nicht, wie ich es ändern könnte.

        An der Schriftart jedenfalls liegt es nicht. Trotzdem danke für deinen Hinweis.

        LG Wulfi

  1. Moinsen,
    sehr spannendes thema, tatsächlich habe ich nie gedacht, dass das ein echter mythos ist.. ich kannte das auch nur aus dem spiel the witcher..
    gut erklärt, habs in eins durchgelesen, hat mich gefesselt 🙂 cool

    1. Hi Seppo,

      Vielen Dank für deinen Kommentar und auch für deine lobenden Worte. Schön, auch das du durch mich etwas Neues dazulernen konntest. Das freut mich doch sehr! 😀

      Gut, das der Beitrag nicht für alle zu lang geworden ist. Ich hatte schon befürchtet, dass rund neun DIN-A4-Seiten zu viel wären. Aber zum Glück gibt es doch viele lesefreudige Menschen hier in der Community, so wie dich. 😉

      LG Wulfi

  2. Hallo !

    Für mich ein sehr interssantes Thema. Ich habe seit 10 (+) Jahren alle „The Witcher“ Teile gespielt. Und da ist die Wilde Jagt ja immer gegenwärtig.

    Wirklich schön das ich hier mehr Informationen dazu bekimmen habe.

    Danke !

    1. Hallo Munin,

      Ja, ich selbst habe alle ,,The Witcher“ Bücher gelesen, ach was sage ich, ich habe sie verschlungen. 😀

      Es freut mich doch sehr, das ich dich durch diesen Beitrag zugleich auch noch besser über das Thema ,,Wilde Jagd“ informieren konnte.

      LG Wulfi

  3. Hallo DragonLadyShinobiaa,

    Vielen Dank für deinen lieben Kommentar! 🙂

    Ja, tatsächlich gibt es so viele verschiedene Varianten der Wilden Jagd, das man eigentlich gar nicht alle kennen kann. So gibt es zum Beispiel sogar in der slawischen Mythologie Abwandlungen davon, die über Russland bis weit nach Asien hineinreichen und sich dort in die Mythen und Sagen, der Steppenvölker mit hineingeschlichen haben.

    Aber das alles zusammenzufassen, wäre dann vermutlich doch viel zu lang geworden für einen Beitrag. 😉

    LG Wulfi

  4. Ich danke dir sehr für deinen Beitrag.
    Sehr gut gemacht.

    Zitat: “ Im Allgemeinen gilt es als für sehr gefährlich, der Wilden Jagd nur allzu nahezukommen, man muss ihr den Weg frei machen..“.
    Meine Großmutter hat immer erzählt man dürfe zwischen Heiligabend und Neujahr auf dem Dachboden keine Wäsche aufhängen. Die Beine der Pferde, auf denen die Reiter der Wilden Jagd reiten, könnten sich sonst in den Wäscheleinen/der Wäsche verfangen und das würde Unglück bringen.
    Als Kind hat mich das sehr beeindruckt. Leider ist sie schon seit Jahren tot und ich habe versäumt sie zu fragen woher sie diese Geschichte hat.
    Ich habe auch gehört, dass Berchta/Holda von den Gebrüdern Grimm in der Figur der Frau Holle dargestellt wurde.
    Knecht Ruprecht soll im übrigen auch ein Mitglied der wilden Jagd, evtl sogar auch ein Anführer gewesen sein.
    Ich finde diese ganze Thematik Wilde Jagd, Raunächte wahnsinnig interessant.
    Bitte mehr davon.

    1. Hallo SuperShanks 10,

      Danke für die Erzählung deiner Großmutter, diese Version kannte ich noch gar nicht. Das mit den Gebrüdern Grimm stimmt im Übrigen, das habe ich auch schonmal gelesen. Das mit Knecht Ruprecht ist mir allerdings neu vielen Dank für die Information.

      Leider sind die Raunächte ja schon vorbei, aber ich werde darüber am Ende des Jahres noch etwas bringen, das habe ich mir schon vorgemerkt. 😉

      Vielen Dank für deinen tollen und informativen Kommentar SuperShanks 10! 🙂 🙂

      LG Wulfi

  5. Dankeschön, Wulfi.
    Ich muß gestehen, daß mir diese Sage ehrlich noch nie zu Ohren oder vor die Augen gekommen ist, obwohl ich jetzt auch nicht mehr zur jüngeren Generation gehöre.
    Ich habe mir Deine Ausführungen wirklich mit größtem Interesse zugeführt… UND mir dafür noch DAS perfekte Ambiente ausgesucht: Ich wohne im Wald vor den Toren einer sächsischen Großstadt und hier zieht gerade Orkan Sabine rein!
    Bei Teil 2 Deines Textes bin ich nochmal auf die nächtliche Terrasse rausgeeilt, um noch einige Dinge sturmsicher zu machen. Bei manchen Böen wars mir auch, als würde ich die ein oder andere Melodie hören. Dann… mit einem Ohr immer nach draußen lauschend habe ich gleich fasziniert weitergelesen.
    Danke.

    1. Hallo Selma,

      Hey, dann freue ich mich doch sehr darüber, dass du durch meinen Beitrag etwas Neues kennengelernt hast sowie dich zudem auch über einen wichtigen Teil unserer heimischen Mythen und Sagenwelt informieren konnte. 🙂 😉

      Wunderbar! Dann hattest du ja wirklich ein schönes Leseerlebnis, das freut mich für dich.

      Vielen lieben Dank Selma für deinen schönen Kommentar zu meinem Beitrag.

      LG Wulfi

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